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| Die Gesetze der Nachahmung (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) von ,
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jede kuhherde hat ihre leader
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Die Gesetze der Nachahmung (Gebundene Ausgabe) Zunächst interessiert de Tarde natürlich, weil allein seine Existenz bzw. sein plötzliches (Wieder-)Erscheinen der etablierten theoretischen Soziologie einen Schatten an die Seite stellt, der aus ihrer Frühzeit stammt: wie sähe sie aus, wenn de Tarde nicht vergessen - oder verdrängt? - worden wäre? Aber gerade die Toten, die wir zu schnell und zu tief vergraben, kehren mit Sicherheit wieder, schreibt Deleuze. Und eben diese Karriere wäre den „Gesetzen der Nachahmung" äusserst angemessen.
Die Gesetze der Nachahmung haben dementsprechend bisher eher eine klandestine Wirkungsgeschichte. Das Vorwort sollte zunächst Peter Sloterdijk schreiben, findet sich nun aber doch nicht in dem Band. Henri Bergson bestätigte De Tarde einen gewaltigen Einfluss auf sein Werk, hat ihn aber auch nicht vor nachherigem Vergessen bewahren können. Gilles Deleuze hat in Frankreich vor allem mit "Differenz und Wiederholung" und gemeinsam mit Felix Guattari in "Tausend Plateaus" die Gedanken De Tardes aufgenommen und popularisiert. Zuletzt finden sich sich nun in Sloterdijks "Sphären" zahlreiche auch explizite Hinweise auf den Einfluss dieses Denkers. Durchweg Philosophen.
Das Buch durchquert souverän Geschichte, Kulturen, Handel, Religion, Recht (de Tarde war selbst Jurist) - und schreibt doch nur über den einen Begriff: Nachahmung. Dieser scheint allerdings bei seinen heutigen Rezensenten eher als "Imitation" angekommen zu sein, der man zusätzlich noch ein wertendes Element an die Seite stellt: sie ist schlecht, niedrig, und bedeutet so etwas wie "nachäffen". Das allerdings ist hineingelesen, denn de Tarde definiert seine Begriffe: Nachahmung ist bewusst oder unbewusst, und das Nachahmende steht dem Nachgeahmten nicht nach. Vielmehr zeigt er, dass Nachahmung ein Entwicklungsgesetz ist, dass sich Sprachen, Dialekte, Fertigkeiten, Sitten, Krankheiten etc nicht anders als durch Nachahmung verbreiten, in Zeit (Geschichte) und Raum (zB Rechtsgepflogenheiten, die sich entlang von Flussverläufen verbreiten). Jedes Befolgen eines Gesetzes wiederholt dieses, ahmt es nach. Hier wird ersichtlich, warum das Buch so bedeutsam für den heutigen theoretischen Diskurs ist: De Tarde spricht in ihm bereits deutlich aus, was nach ihm und auch heute bei vielen Denkern im Begriff der Wiederholung wiederkehrt. So in der Psychoanalyse (Wiederholungszwang), Wiederholung in der Sprache (das sprachliche Zeichen, der Signifikant), Wiederholungsschemata in der Literatur, Kunstwerk und Reproduktion - aber auch die damit zusammenhängenden Differenzen (Deleuze, Differenz und Wiederholung): verschiedene Nachahmungen führen nicht zu gleichen Ergebnissen.
Dabei hat der Autor immer auch den Leser der Zukunft im Auge, denn seine von kritischen Rezensenten angerügten Prognosen (zB Zukunft des Sozialismus) sind eigentlich eher Dialoge mit dem Leser, der die Entwicklung nach Abfassung der Schrift besser kennt. Er fragt uns zB nach der Zukunft Europas in einer großen Konföderation. Das macht das Lesen zum Dialog und ist stilistisch - wie das ganze Buch - sehr raffiniert.
Das Werk ist bisher eher kritisch, oftmals unsachlich und vor allem mit anti-philosophischer Ungeduld aufgenommen worden: Es sei unwissenschaftlich, übertreibe den Nachahmungs-Gedanken und wirke kontra-intuitiv (Nachahmung der Männer durch Frauen, Nachahmung der verschiedenen Gesellschaftsschichten etc). All das stimmt irgendwie, wenn man Wert auf diese Kritikpunkte legt, und das Buch ist insofern leicht angreifbar - so sind viele naturwissenschaftliche Beispiele (zB zur Evolution) heute so nicht haltbar. Aber vielleicht lohnt es sich ja, dieser neuen Stimme aus der Vergangenheit erst einmal zuzuhören, bevor man ihr ins Wort fällt. Die Themen sind hochaktuell: De Tarde zeigt die Antinomien von Rassenideen auf, er entlarvt hinter den Überzeugungen und selbst hinter der einfachen Wahrnehmung unreflektierte Dogmen, zudem benutzt er Begrifflichkeiten, die ihrer Zeit weit voraus waren, und uns heute etwas sagen: Relikt, Simulakrum, Simulation; Kopie und Modell; Gruppen und Serien; Entwicklung, Wiederholung und Variation; bewusst, unbewusst. Nicht zuletzt hat er sein Schicksal, trotz seines damaligen Ruhmes irgendwie nicht gut aufgenommen zu werden, im Vorwort bereits vorausgesehen. Das versteht man nach der Lektüre nicht mehr.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 9. Oktober 2004 | | |
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