| |
Aus Kapitel 1:
Das klingt alles so, als ob es nur für Physiker interessant wäre.
Aber sehen wir weiter: Die höchst emp- findliche Situation, in die der
Sandberg ganz von selbst geraten ist, nennt man kritischen Zustand. Die grundlegenden
Eigenschaften eines solchen kritischen Zustands kennen die Physiker seit mehr
als hundert Jahren, man hat ihn aber bisher nicht ganz ernst genommen und als
nebensächlich abgetan, als einen äußerst labilen und seltenen
Zustand, der sich nur unter besonders ungewöhnlichen Umstän- den einstellt.
Ein Sandberg scheint dagegen durch die herabrieselnden Körner auf ganz
natürliche Wei- se und zwangsläufig so anzuwachsen, dass er in einen
kritischen Zustand übergeht. Das Ergebnis stellte für Bak und seine
Kollegen eine Herausforderung dar: Wenn der Sandberg so leicht und ohne weiteres
Zutun in den kritischen Zustand gerät, dann könnte doch Ähnliches
auch anderswo passieren! Gibt es vielleicht Zonen von Instabilität, die
von ihrer Struktur her ähnlich wie die roten Finger aufgebaut sind, auch
in der Erdkruste, in Wäldern, Ökosystemen und möglicherweise
sogar in unserem etwas abstrakteren Wirtschaftssystem? Denken wir nur an die
ersten paar brechenden Felsen bei Kobe, den einen verhängnisvollen Blitzschlag
im Yellowstone-Nationalpark und den ersten völlig unbedeutenden Kursrückgang,
der letztlich den Crash von 1987 auslöste: Waren das »Sandkörner«
in einem anderen Spiel? Kann möglicherweise die ganz besondere Organisationsform
des kritischen Zustands erklären, warum die Welt als Ganzes derart anfällig
für unvorhergesehene Katastrophen ist?
|
| |
|
|